STEFAN WEWERKA schlagartige veraenderung

1. Nov 2013 - 07. Feb 2014

Umformen, verschieben, zerschneiden und verändert zusammensetzen, fragmentieren und wieder heil machen oder doch nicht, Funktionselemente schrumpfen/entnehmen oder strecken, einknicken, erweichen. Die Perspektive ändern. Zum Leben erwecken. Eine andere Stadt entwerfen. Die Wolken auf die Erde holen. Auf Brücken schlafen.

Stefan Wewerka, Ohne Titelt (Alter Stuhl), 1988, Foto: Saskia Hubert

Die ungewöhnliche,  doch klar nachvollziehbare Manipulation von Dingen – namentlich Stühlen – bzw. von Bildern derselben bzw. von Bildern, die wir davon im Kopf tragen, ist zu einer Art von Markenzeichen für das Werk Stefan Wewerkas geworden: modifizierter Stuhl = Stefan Wewerka. Ein Spiel? Ja. Ein Spaß? Nein. Dieser konstruktive Dadaismus hat Ziel und Methode. Darin sind der Stuhl und seine Aggregatszustände die Zentralmetapher. Wewerka hat aus dem Sitzmöbel ein Denk“möbel“ gemacht, eine Skulptur, ein Denk-mal – Ausrufezeichen – für die Versessenheit versus Besessenheit. Dass Wewerka, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot, Ableitungen seiner künstlerischen Überlegung für das praktische Sitzen entwickelte, belegt die Komplexität seines Ansatzes, in dem Design als ein der Bildenden Kunst gleichberechtigter Tätigkeitsbereich unter dem Dach der Kunst verstanden wird (Stefan Wewerka, in: Stefan Wewerka, Berlin 2010, S. 179). Dreibeiner und Einschwinger, die er Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre für Tecta entwarf, laden dazu ein, die Sitzposition ab und an auch einmal zu ändern und machen den aus Werkraum und Stall stammenden, kippelresistenten dreibeinigen Hocker oder Schemel salonfähig für eine breit gefächerte Nutzung. Der Dreibeiner ist meines Wissens überdies der erste und einzige dreibeinige Stuhl, der sich vom gleichschenkligen Dreieck der Auflagepunkte verabschiedet und die

Stefan Wewerka, Tisch M 1, und Stuhl B1 (beide 1979 für TECTA), in: Ausstellung "Querschnitt. Stefan Wewerka", Die Neue Sammlung - The International Design Museum Munich Foto: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo).

Asymmetrie zum Programm macht. In durchaus vergleichbarer Weise forderte ein in den 80ern für Rosenthal entwickeltes Besteck Wewerkas gleichsam eine andere, besonnenere Esskultur und es verwundert nicht, dass Stefan Wewerka in einem Programmpapier zur Reform der Fachhochschule Köln, die Gestaltung der Schulküche als auch Kultur der Zubereitung von Speisen als Pflichtfach forderte (Stefan Wewerka, in: Stefan Wewerka, Berlin 2010, S. 148).  Und wie sinnfällig, dass er in diesen Jahren dem Oberbürgermeister von Frankfurt/Main, dem es an Baugrund für den in der Metropole nötigen Wohnungsbau mangelte, den Vorschlag machte, bewohnbare Brücken über den Main zu schlagen, also die Leute doch lieber auf statt unter der Brücke schlafen zu lassen.

Stefan Wewerka während seines letzten Besuchs im Mai 2013 im Forum Gestaltung, Magdeburg (Foto: Hans-Wulf Kunze)

Bazon Brock hat Stefan Wewerka zu dessen 80. Geburtstag als „Großmeister des Antifundamentalismus durch Ermunterung der Dinge zur Schieflage, zum Eigensinn und zur blühenden Vieldeutigkeit und Mehrwertigkeit“ gefeiert. Dass diese bildkünstlerischen Praktiken Wewerkas seinen gestalterischen in die Hände arbeiten, gerät in solcher Euphorie leicht in den Hintergrund. Die Ausstellung im Forum Gestaltung möchte vor allem diese Zusammenhänge von künstlerischer Dekonstruktion und wirklichkeitsgestaltender Konstruktion in den Blick nehmen. Beide basieren auf einem Axiom: die Welt ist nicht nur verrückt, sie ist auch verrückbar und ein Wechsel der Perspektive oder der Sitzposition kann eine schlagartige Veränderung bewirken. (Norbert Eisold)

Blick in die Magdeburger Ausstellung am Abend der Vernissage

Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit Stefan und Alexander Wewerka konzipiert und vereinigt ca. 80 Werke und Werkgruppen aus allen Schaffensphasen und Tätigkeitsbereichen Stefan Wewerkas und kommen zum großen Teil aus dem Nachlass des Künstlers. Weitere wichtige Leihgaben kommen aus Magdeburg, Berlin, Hamburg, Lauenförde, Köln und Trier.

Aus Anlass und für die Dauer der Ausstellung im Forum Gestaltung wird auch das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen und das Kulturhistorische Museum jeweils ein Werk Stefan Wewerkas als Ehrengast in seinen Ausstellungen zeigen.

Im Nachgang der Ausstellungseröffnung wird eine 64-seitige, aufwändig illustrierte Begleitpublikation mit Beiträgen des renommierten Kulturwissenschaftlers Volker Fischer (Frankfurt/Main), des Malers und Wewerka-Schülers Peter Tollens (Köln) und des Kurators der Ausstellung, Norbert Eisold (Berlin), erscheinen.

Öffnungszeiten

Ausstellungen: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr
Für Interessierte und Gruppen sind auch außerhalb dieser Zeiten Besuche vereinbar.

Büro: Montag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr

Infos, Karten & Publikationen

Forum Gestaltung Magdeburg
Brandenburger Straße 10
Tel: 0391 99 08 76 11
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