NATUR:GESTALT Arbeiten von Schülern und Lehrern der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg zwischen 1900 und 1947

30. Jan - 3. April 2015

Für die gestalterische respektive bildkünstlerische Tätigkeit des Menschen ist die Natur – ihr Reservoir an Formen und Materialien, ihr faszinierender Variantenreichtum regelhafter Strukturen, ihr „Aufbau“, die Komplexität ihrer scheinbar sinnvoll geplanten Eigenschaften und Funktionalitäten – bis heute anregend und vorbildlich. Im Rahmen architektonischer Tätigkeit und in der sogenannten Landschaftsarchitektur wird sie selbst ganz unmittelbar zum Material bzw. mitspielendem Gegenüber.

Die konkrete Ausprägung dieses Verhältnisses hat dabei in den einzelnen historischen Epochen durchaus sehr verschiedene Ausprägungen erfahren. Die sich wandelnden Prämissen künstlerischer Bildung spiegelten diese oft besonders deutlich wider.

Nach den von einer weitgehenden Abstinenz vom Naturvorbild geprägten Gründerzeitjahre, in denen man vor allem auf das Recycling des Formen-Vorrats historischer Stile gesetzt hatte, begann man um 1900 auch in Deutschland nicht nur die Qualitäten handwerklicher Arbeit und die verschiedenen Anforderungen jeweils spezifischer Materialien, sondern auch das Studium der Natur als Quelle innovativer gestalterischer und künstlerischer Ideen neu zu entdecken.

Entwurf eines Buchumschlag, Klasse Ferdinand Nigg, um 1910

Das machte sich auch in der Lehre der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule bemerkbar, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als eine der fortschrittlichsten ihrer Art in Preußen galt. Neben der Einführung des Werkstatt-Unterrichts war das von Paul Bernardelli geleitete Tier- und Pflanzenstudium eine der tragenden Säule im Lehr-Gebäude der Magdeburger Anstalt. Der Begriff Studium in der Fachbezeichnung war insofern gerechtfertigt, als es sich tatsächlich nicht um den klassischen Zeichenunterricht handelte, sondern vielmehr um das analytische Erforschen gesetzmäßiger Farb-, Form- und Funktionszusammenhänge bei Pflanzen und Tieren vermittels des Instruments der Zeichnung. Vielfach setzte dieses zeichnerische Studium einen Abstraktionsprozess in Gang, der bis zur völligen Auflösung der Formgenese in einer ungegenständlichen, streng geometrischen Ornamentik führen konnte, wie sie in diesen Jahren in Magdeburg für die von Ferdinand Nigg geleiteten Klassen typisch war.

Wilhelm Deffke, Entwurf eines Stadtwappens für Wuppertal, Goldprägung auf Karton (Schulwerkstatt), 1930/31

Eine vergleichbar exponierte Auseinandersetzung mit den gestalterischen Grundproblemen und ihrer Beziehung zur Naturform gab es in Magdeburg dann erneut unter dem Direktorat von Wilhelm Deffke (1925-33, 1946-50), der vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem mit dem späteren Bauhaus-Gründer Walter Gropius und Mies van der Rohe im Atelier von Peter Behrens als Mitarbeiter tätig gewesen war. In seiner eigenen Praxis hatte Deffke bereits an der Entwicklung gebrauchsgrafischer Bildelemente aus dem Setzkasten, sogenannten „Bildstaben“, gearbeitet. In Magdeburg reformierte er den Unterricht nach modernen Grundsätzen und begann um 1930 an einer „Grammatik der Formensprache“ zu arbeiten, mit der er dem allgemeinen Formenunterricht eine systematische Grundlage geben und die Studierenden zu einem „denkenden und nach-denkenden Auge“ erziehen wollte. Das Projekt blieb leider in seinen Anfängen stecken und ist daher nur bruchstückhaft greifbar. Grundsätzlich ging es Deffke wohl um die Destillation geometrisch darstellbarer Grundformen aus der Gesamtheit sowohl der Natur- als auch der überlieferten Kulturformen. Aus diesem Material und einer „Grammatik“ seines Gebrauchs, ist das „Bild“ parallel zur Natur neu zu konstruieren.

Am Beispiel ausgewählter Arbeiten von Schülern und Lehrern der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg, die im Wesentlichen aus dem archiv forum gestaltung stammen, unternimmt es die Ausstellung, die Facetten dieser beiden verwandten und in historischem Zusammenhang stehenden Haltungen zu verdeutlichen. Neben Arbeiten der Lehrer wie z. Bsp. Albin Müller, Johannes Molzahn, Wilhelm Deffke oder Johann Graf wird erstmals das Schaffen des Magdeburger Gartengestalters Friedrich Bauer dokumentiert, der Schüler der Magdeburger Schule und einer der wichtigsten Exponenten deutscher Gartengestaltung vor dem Ersten Weltkrieg gewesen ist. Erstmals wird auch ein von der Buchgewerbeklasse Ferdinand Niggs gestaltetes und hergestelltes Ausstellungbuch der von Paul Bernardelli geleiteten Klasse für Tier und Pflanzenstudium gezeigt, das, stark beschädigt, 2013 dank großzügiger Spenden, konserviert werden konnte.

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Für Interessierte und Gruppen sind auch außerhalb dieser Zeiten Besuche vereinbar.

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