Gerhard Lahr. Zeichnen heißt sehen lernen

30. Jan - 4. April 2015

Der Grafiker und Maler Gerhard Lahr (1938 – 2012), der insbesondere auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendbuches zu den bekanntesten und wichtigsten Illustratoren seiner Generation im Osten Deutschlands zählt, war zeitlebens ein geradezu besessener Zeichner. Von 1956 bis 1959 studierte Gerhard Lahr Gebrauchsgrafik an der Fachschule für angewandte Kunst in Magdeburg, arbeitete kurze Zeit für die Deutsche Werbeagentur in Dessau, begann ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, dass er aber bald abbrach, und ging 1962 nach Ostberlin, wo er zum Künstlerkreis des seit 1958 in Berlin-Altglienicke lebenden Bildhauers Werner Stötzer gehörte, mit dem er auch gemeinsam zeichnete.

Gerhard Lahr, Behelfsbrücke am Werde, Bleistift, um 1958

Anne Lahr, die Witwe des Künstlers, hat durch die freundliche Vermittlung von Horst Bartnig dem Forum Gestaltung e. V. im Frühjahr 2014 ein Konvolut von über dreihundert Arbeiten aus seiner Magdeburger Studienzeit in einer großzügigen Schenkung übereignet. Eine Auswahl daraus ist nun erstmals überhaupt in einer Ausstellung zu sehen.

Gerhard Lahr, Landschaft mit Sonne und Menschen, farbige Kreiden, um 1958

In Magdeburg waren es von den Lehrern vor allem dem der Typograf Karl-Heinz Lange und der Gebrauchsgrafiker Karl-Heinz Leue die der Student Lahr schätzte. Der Berliner Maler und Grafiker Rolf Händler, mit dem er nach dem Studium in Dessau arbeitete und der 1961 an der Hochschule in Berlin-Weißensee ebenfalls ein zweites Kunststudium begann, zählte unter anderen zu seinen Kommilitonen.

Trotz ihrer Eingliederung in das Fachschulsystem der DDR hatte sich an der Schule, die eine lange und zuzeiten sehr erfolgreiche Geschichte besaß, insbesondere in den Zeichen- und Malklassen ein gewisser akademischer Anspruch erhalten. Wilhelm Paulke, Leiter des Fachbereichs Malerei in Magdeburg, „zitierte nicht ohne Stolz die Kunsthochschule Weißensee, wo man der Meinung war, dass ein so anspruchsvolles Aktzeichnen, wie es in Magdeburg fabriziert werde, nichts an einer Fachschule zu suchen haben und deshalb abgeschafft werden müsste.“*

Gerhard Lahr, Weiblicher Rückenakt, Kreide, um 1958

Der künstlerische Nachlass Gerhard Lahrs bezüglich seiner Studienjahre besteht fast ausschließlich aus Zeichnungen. Bis auf einige wenige druckgrafische Blätter, die in diesen Jahre entstanden, liegt auch der Focus der Ausstellung auf seiner zeichnerischen Arbeit, die schon thematisch weit über den eigentlichen Unterricht hinausgreift. Neben Aktstudien stehen kleine, vielleicht rasch und während des Unterrichts verfertigte Porträtskizzen von Mitstudenten und Lehrern, Zeichnungen von der Trümmer- und Aufbaulandschaft Magdeburgs oder auch Landschaften. Beeindruckend ist dabei vor allem die formale wie inhaltliche Vorurteilslosigkeit, die Lahr sich gegenüber seinen Gegenständen nach und nach erarbeitet und behaupten kann. Rasch wird deutlich, dass es dem jungen Zeichner nicht um die Perfektionierung seiner Techniken, sondern um die Vertiefung des Sehens, der visuellen Erkenntnis der ihn berührenden Gegenstände und deren Transformation in die Zeichnung ging. Rein formal betrachtet war das eher der Weg vom Perfekt zum Imperfekt, vom Durchgeführten zum Skizzenhaften. Zeichnen als nicht abschließbares Erforschen des Wesentlichen, das immer hinter den Bildern steht, die wir uns von den Dingen machen.

* ich hätte nicht auf die welt kommen wollen, um von anfang an quadrate zu malen. ein gespräch mit horst bartnig, in: horst bartnig. bartnig 136, Magdeburg 2012, S. XXV.

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