Geschichte der Kunstschule

Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg hat unter verschiedenen Bezeichnungen und Strukturen 170 Jahre bestanden, ehe sie 1963 endgültig geschlossen wurde. Seit 1887 arbeitete das Institut in dem im Jahr zuvor erbauten Neubau, in dem heute das Forum Gestaltung seinen Sitz hat. 1910 wurde der große Schulerweiterungsbau feriggestellt, ein Jahr später die Alt- und Neubau verbindende Kunsthalle. Eine Figur ihres Portals findet sich im Zeichen des Forum Gestaltung.

Die Sonntagsschule. 1793 – 1887

An der Wende von der ständischen Welt zu der vom Bürger dominierten Industriegesellschaft wurde auch die Bildung des Handwerkers mehr und mehr eine öffentliche Angelegenheit. Als Hilfe für das künstlerisch tätige Handwerk gründete man um 1800 an vielen Orten und oft unter Mitwirkung der Berliner Akademie sogenannte Provinzial-Kunstschulen. Ihre Aufgabe war es, „den vaterländischen Kunstfleiß zu befördern und auf Manufakturen und Gewerbe den wichtigen Einfluß“ auszuüben, „daß einheimische Künstler mit geschmackvollen Arbeiten jeder Art den Auswärtigen nicht ferner nachstehen.“ So jedenfalls wurde es für die Magdeburger Schule 1797 formuliert. In Anlehnung an die Berliner Akademie und den allgemeinen Vorbilderglauben des 19. Jahrhunderts erlebte die Magdeburger Anstalt wechselvolle Jahre zwischen beachtlichen Erfolgen und drohender Schließung. Anfang der 50er Jahre gehörte sie zu den am besten besuchten Anstalten Preußens. Unter den Lehrern zählten Johann Adam Breysig und Johann Friedrich Klusemann zu den markantesten Persönlichkeiten. Ein Zögling der Anstalt war der spätere David-Schüler Carl Sieg.

Die Entwicklung zur preußischen Musteranstalt. 1887 – 1910

Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine krisenhafte Orientierungslosigkeit sowohl im gestaltenden Handwerk als auch in der rasch expandierenden Kunstindustrie offenbar. Um diesen Tiefstand gestalterischen Niveaus entgegenzuwirken und das Gewerbe mit qualifizierten Kräften zu versorgen, kam es in der Folge vielerorts zur Gründung kunstgewerblicher Lehranstalten und Mustersammlungen.

Zur Belebung der Verbindung zwischen Kunst und Handwerk entwickelten sich in Preußen vor allem kombinierte Kunstgewerbe- und Handwerkerschulen, die neben dem Abendunterricht nun auch kunstgewerbliche Tagesklassen betrieben. Die 1887 in Magdeburg nach grundlegender Reorganisation eröffnete Anstalt sah sich einem riesigen Ausbildungsbedarf gegenüber. Die Zahl der Schüler wuchs in wenigen Jahren auf über tausend und erreichte im Sommerhalbjahr 1900 mit 1760 ihren absoluten Höchststand. Junge begabte Lehrer wie etwa der Maler Adolf Rettelbusch prägten das Gesicht der in der Öffentlichkeit zunehmend erfolgreicher agierenden Schule.

Unter dem Direktorat des Architekten Emil Thormählen errang die Kunstwerbe- und Handwerkerschule Magdeburg nach 1900 überregionale Bedeutung und konnte sich rühmen, die Umgestaltung des kunstgewerblichen Unterrichtes in Deutschland mit herbeigeführt zu haben. Dem „Bilden der Form“, welches “die eigentliche Schönheit nicht mehr in der Ausstattung mit Ornamenten, sondern in der schönen Gesamterscheinung“ erblickte, in der es hauptsächlich „auf gute Proportionen, einen ausdruckvollen Umriß und eine gewählte Farbenstimmung ankam“, wurde durch eine verstärkte allgemein-künstlerische Ausbildung und die Einführung des Werkstattunterrichtes entsprochen. Erfolge auf der Weltausstellung in St. Louis 1904, der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906 und vielen anderen in- und ausländischen Ausstellungen machten die Magdeburger Schule zu einer „Führerin im modernen Kunstgewerbe“. Träger dieses Aufschwunges waren vor allem junge Künstler und Gestalter mit eigener Praxis. Paul Bürck aus der Künstlerkolonie Mathildenhöhe galt als beispielhaft. Von Fritz von Heider gingen starke Impulse auf das keramische Gewerbe aus und mit Richard Winckel unterrichtete einer der bedeutendsten deutschen Porträtgrafiker in Magdeburg. An erster Stelle sind aber der in den Magdeburger Jahren vor allem als Produktgestalter und Innenarchitekt tätige Albin Müller, der für Buchgewerbe und Textil zuständige Ferdinand Nigg aus Liechtenstein und Paul Bernardelli zu nennen, dessen Unterricht in der Öffentlichkeit immer wieder hervorgehoben wurde.

Mode, Krieg und Krise. 1911 – 1924

Hatte unter der Leitung Emil Thormählens und dem Einfluß funktionalistischer Auffassungen das Streben nach Objektivierung gestalterischer Aufgaben im Vordergrund gestanden, änderte sich das unter dem 1911 das Direktorat übernehmenden Rudolf Bosselt. Der Bildhauer Bosselt hatte sich einen Namen als Erneuerer der Medaillenkunst erworben. Als einer der gedanklichen Väter des „dualen Konzepts“ des allgemeinen Bauhaus-Studienprogramms hatte er schon 1908 gefordert, den Entwerfenden technisch, den Techniker zum künstlerisch Mitempfindenden zu erziehen, und zwar in einer produzierenden, Lehrlingen ausbildenden Werkstatt unter städtischem Patronat. Ganz im Geist neuer Kunstströmungen wie etwa des deutschen Expressionismus oder der ungegenständlichen Malerei war für Bosselt künstlerische Individualität höchstes Gut. Ebenso zeittypisch war die später unter dem Begriff des Art Déco sich subsumierende Wiederaufnahme historischen Formengutes, die eine der Voraussetzungen für die in erster Linie dekorative Verwertung expressionistischer oder auch konstruktivistischer Kunst werden sollte. Diese Grundorientierung führte 1922 zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Rudolf Bosselt und Stadtbaurat Bruno Taut, der als Vertreter eines sozial orientierten Konstruktivismus die grundlegende Reformierung der Anstalt forderte, die im Kreis der deutschen, durchaus in vergleichbaren Entwicklungen befangenen Kunstgewerbeschulen bis dahin hohes Ansehen genossen hatte.

Diese Stellung gründete sich sowohl auf die Persönlichkeit Bosselts als auch die unter seinem Direktorat tätigen Lehrer, unter denen der Maler Kurt Tuch, der Grafiker Franz Fiebiger oder der an der Anstalt ausgebildete Ernst Hoffmann verstärkt den Ton angaben. Der im Ersten Weltkrieg gefallene Hans Wewerka galt als eine der größten Hoffnungen aus der Gruppe der jüngeren Lehrkräfte.

Mit der Einrichtung einer an den Empfehlungen des Deutschen Werkbundes orientierten Klasse für Frauenkleidung unter der Leitung von Else Raydt war die Magdeburger Anstalt Schrittmacher auf diesem Gebiet und erntete mit ihren Modenschauen Beifall in ganz Deutschland.

Der breite Weg 1925 – 1933

Moderne gestalterische Arbeit wie sie Bruno Taut vorschwebte, wurde in Magdeburg zunächst politisch durchgesetzt. 1923 stellte der sozialdemokratisch geführte Magistrat gegen den Willen von Direktor, Schulvorstand und Ministerium Johannes Molzahn als Leiter der Klasse für Gebrauchsgrafik ein. Mit seiner im gleichen Jahr in Magdeburg herausgegebenen „Ökonomie der Reklame-Mechane“ führte dieser im Bewusstsein der universellen Verbindlichkeiten menschlichen Existenz nicht nur ökonomisches Denken in die Werbung ein, sondern sprach auch die generelle Verantwortung des Menschen beim Verbrauch natürlicher Ressourcen an.

Als schließlich der namhafte Gebrauchsgrafiker Wilhelm Deffke die Leitung der Schule übernahm, begann für diese eine Zeit grundlegender Umgestaltung und Modernisierung. Unter der Anleitung von Werkmeistern aus der Praxis, wissenschaftlich geschulten Technologen, Wirtschaftlern und richtungweisenden Führern mit eigener Praxis galt es mittels exakt sachlichem Werkzeichnen, gründlicher Werkstattarbeit und der Vertiefung des Wissens um die funktionellen, stofflichen, technischen und wirtschaftlichen Bindungen sowie ihrer inneren Beziehung zum Werkganzen die vielfältigen beruflichen Gebundenheiten gestaltend zu durchdringen. Das Wort „Kunst“ war aus dem Programm der Schule verschwunden. Die experimentelle Beschäftigung mit dem Material, der Maschine und der Form standen im Vordergrund der schulischen Arbeit. Mit der Vision einer Handwerker-Hochschule vor Augen gliederte Deffke die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in eine Grafische Fachschule, eine Werbe-Fachschule, eine Bau- und Ausbau-Fachschule und eine Fachschule für Bekleidung.

Die grafische Fachschule, in der eine gesonderte Abteilung „Papier“ etabliert wurde, sollte mit Hilfe von Industrie und Handwerk zu einem „Gewerbeförderungsinstitut für das gesamte graphische und papierverarbeitende Gewerbe im Reichsmaßstabe“ ausgebaut werden.

Dementsprechend zeichnete sich diese Abteilung durch ihre personelle Besetzung besonders aus. Die Buchbinderei war durch Kurt Lange und Heimrich Lüers mit anerkannten Meistern ihres Faches besetzt. Für die Schrift kam schon 1926 mit dem Schweizer Hermann Eidenbenz einer der späteren „Begründer des Schweizer Grafik-Designs“ nach Magdeburg. Der bedeutende deutsche Konstruktivist Walter Dexel löste 1928 Johannes Molzahn in seinem Amt ab. Und schließlich war für kurze Zeit auch der berühmte Wiener Plakatkünstler Julius Klinger an der Magdeburger Anstalt beschäftigt. Abgesehen von dem großen Initiator Wilhelm Deffke wird der von Johann Graf geleiteten Abteilung für Fotografie und der Druckwerkstatt unter Fritz Humm innerhalb der Grafischen Fachschule eine besondere katalysatorische Kraft zuzuschreiben sein.

1929 folgte schließlich mit dem Architekten Peter Großmann einer aus der „Duzclique junger Männer“ dem Ruf an die Elbe, die zwischen 1908 und 1912 im Atelier von Peter Behrens gearbeitet hatten und zu der außer Großmann und Deffke, Walter Gropius, Mies van der Rohe und Édouard Jeanneret (Le Corbusier) gehört hatten.

Gleichgeschaltet 1933 – 1945

In der Folge der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus kam es auch in Magdeburg zur Schrumpfung der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in eine städtische Handwerkerschule. Das führte neben der Schließung ganzer Abteilungen auch zur Entlassung zahlreicher Lehrer, die trotz Eintritts in die NSDAP weder ihre Schule noch ihren Posten retten konnten. Als letzter des Deffke-Kreises wurde Walter Dexel 1935 aus dem Dienst entlassen.

War durch an der Schule verbliebene Lehrer wie Heinrich Lüers oder Johann Graf ein gewisser Standart an gestalterischer Qualität auch weiterhin gesichert, konnte von einem eigenständigen Gesicht der Anstalt unter der Leitung des neuen Direktors Friedrich Einhoff nicht mehr die Rede sein.

Vogel Phönix ohne Himmel 1946 – 1963

Als Wilhelm Deffke 1946 wieder auf seinen alten Posten nach Magdeburg zurückkehrte, versuchte er sowohl personell als auch inhaltlich an Entwicklungen vor 1933 anzuknüpfen. Die unter dem trotzigen Titel „Magdeburg lebt!“ von Deffke konzipierte und von Lehrern und Schülern 1947 realisierte Wiederaufbauausstellung war der Versuch eines Beginns. Die Pause zwischen nazistischer und der sowjetischem Vorbild folgenden ideologischen Instrumentarisierung von Kunst und Gestaltung blieb jedoch nur kurz. Seit 1950 wurde die Anstalt als Fachschule für angewandte Kunst in das System der sozialistischen Einheitsschule eingegliedert und deren Prinzipien verpflichtet.

Nach dem Tod Deffkes 1950 fand sich zudem keine Leiterpersönlichkeit von überregionaler Bedeutung, die willens und in der Lage gewesen wäre, die Schule aus dem Schatten einer gewissen Provinzialität herauszuführen und damit vielleicht der 1963 verfügten Schließung zuvorzukommen. Trotz aller Einschränkungen, die immer im Kontext allgemeiner Entwicklungen gesehen werden wollen, spielte die Fachschule für angewandte Kunst eine nicht zu unterschätzende Kultur tragende Rolle in Magdeburg und hat im Laufe der Jahre eine nicht unerhebliche Anzahl namhafter Künstler und Gestalter hervorgebracht. Ihre Abteilung Fotografie besaß in der DDR-Fotografie dieser Jahre dabei besondere Ausstrahlung.

Literatur: Norbert Eisold, 1793-1963. Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magedeburg, Magdeburg 2011

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