bartnig 136. variationen unterbrechungen

2012

„einfachheit ohne vielfalt ist gänzlich ohne geschmack,und im besten fall erregt sie nur kein missfallen. doch wenn sie mit vielfalt verbunden wird, dann gefällt sie, denn sie erhöht das vergnügen an der vielfalt, weil sich dann das auge ihrer ohne mühe erfreuen kann.“

darf man diese sätze, die william hogarth 1793 in seiner „analyse der schönheit“ veröffentlichte, hier mit bezug auf horst bartnig zitieren? erhöht die vielfalt in den bildern bartnigs das vergnügen an deren einfachheit, weil sich das auge ihrer ohne mühe erfreuen kann? ist dieses werk überhaupt „einfach“?

hogarth hatte damit begonnen, das prinzip der schönheit durch formale analyse gleichsam zu „zergliedern“ und damit die abstraktionen, mehr noch aber die formkonstruktionen des 20.jahrhunderts vorweggenommen. das auge zu erfreuen, war da schon nicht mehr das ziel künstlerischer bemühung, eher die analyse selbst und die intellektuelle freude, die ihr innewohnt. „jede einzelne komposition trägt in sich den keimzur vereinigung und zur veränderung. es ist meine aufgabe und gehört zu meiner arbeit, prinzipien, systeme zu erkennen, zu deuten, zu verändern. visuelles erleben ist dafür ein schlüsselwort”, hat bartnig 1988 in einem gespräch gesagt. visuelles erleben deutet auf sinnlichkeit wie auf intellektuelle erkenntnis. visuelles erleben kann man organisieren, das heißt, man kann ihm form geben, struktur, maß und mathematisches gesetz. nichts anderes tut horst bartnig seit fast fünfzig jahren als maler, grafiker, skulpteur – als denker und entwerfer der konkreten form, des konzisen prinzips einer der regel verpflichteten bildnerischen praxis.

seine hinwendung zu dieser arbeitsweise begann um die mitte der 1960er-jahre, ein knappes jahrzehnt nach dem abschluss seines studiums in magdeburg. in dem hier abgedruckten interview beschreibt er eindrucksvoll, wie wichtig ihm die künstlerisch grundlegende ausbildung gewesen ist, wie aktzeichnen und naturstudium den sinn für elementareproportionen und wohl auch für die dem organischen innewohnenden gesetzmäßigkeiten geschärft und entwickelt haben.

dass die bildnerische sprache des konkreten nicht ex nihilo entstehen kann, sondern in glaubhafter konsequenz nur als verdichtung von umfassender bildnerischer erfahrung, ist heute allgemeiner konsens. auch richard paul lohse, einer der hauptvertreter konkreter kunst, hat als expressionistischer maler begonnen und sich mit dem kubismus und de stijl auseinandergesetzt. lohse war autodidakt, bartnig hat in magdeburg an der fachschule für angewandtekunst studiert. im unterschied zu den klassischen akademien orientierte der unterricht sich hier auf praktische ergebnisse und technische verfahren. das lag in der tradition der magdeburger schule, nicht erst seit walter dexel oder johannes molzahn, die den rationalen flügel der klassischen moderne mitbestimmt und in den 1920er-jahren in magdeburg gelehrt hatten. horst bartnig erfuhr erst viel später von ihnen.

(aus dem beitrag von matthias flügge für den katalog)

die publikation erscheint anlässlich der ausstellung „bartnig136. variationen unterbrechungen. konkrete malerei grafik plastik“,die vom 7. september bis zum 23. november 2012 im forum gestaltung magdeburg stattfindet. sie wurde in einer gesamtauflagevon 250 durchgehend nummerierten und signierten exemplaren gedruckt. dem mit römischen ziffernvon I bis L bezeichneten teil der auflage ist ein von horst bartnig hergestellter druck (1917 / unterbrechungen in türkis /quadrate in 9 farben / künstler pc-print auf bütten / 2012) eingebunden.

bartnig 136
variationen unterbrechungen. konkrete malerei grafik plastik
mit einem beitrag von matthias flügge und einem interview mit horst bartnig

bibliothek forum gestaltung 07
herausgegeben von norbert eisold und norbert pohlmann
28 innenseiten, titel und rücken in siebdruck
isbn 978-3-9813652-4-5
12,80 euro (normalausgabe)
50,00 euro (ausgabe mit originalgrafik)

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