„Ein glückliches Moment“ und „Utopie braucht einen Ort“ Das Forum Gestaltung erinnert vom 28. Juli bis 4. August 2010 an die Gründung der Freien Kammerspiele Magdeburg vor genau 20 Jahren

28. Juli 2010

Vor gut 20 Jahren, 1989, haben junge Leute in kreativen Kulturberufen in Magdeburg nicht nur die Zeichen der Zeit erkannt, sie wollten ihrerseits eigene Zeitzeichen in die (Theater)Welt senden, wollten Chancen zu Chancen verhelfen, wollten freiräumen die sich bietenden Freiräume, um sie zu füllen mit sich und der Welt, die vor Freude schneller rotierte.

Die Gründung der Freien Kammerspiele Magdeburg im August 1990 galt dem engagierten Stadtrat für Kultur, Rainer Löhr, als „ein glückliches Moment“, und die unter recht schwierigen Kontexten geleistete, schnell an Profil gewinnende Arbeit der jungen Truppe um Intendant Wolf Bunge brachte bei allen Rückschlägen so viel Erfolg und öffentliche und mediale Anerkennung, dass es an Motivation fürs Weitermachen („mit freundlicher Schärfe und kompromissloser Fröhlichkeit“, Bunge) nicht mangelte. Im Sommer 1995 titelte, über die „Kammer“ berichtend, die Wochenzeitung STERN : „Sommernachtsraum nach der Wende (…) Neuerdings lohnt es sich, die Fahrt in Magdeburg zu unterbrechen.“(27/95) Und die damals noch existierende und viel gelesene „Wochenpost“ schrieb: „Hart, aber lustig: wenn heute die Kammer ein abendfüllendes Spektakel ansetzt, ist Großeinsatz des überregionalen Feuilletons“ – Es scheint: Die Potenziale des Möglichen waren genutzt worden von allen Beteiligten: dem Stadtrat, den Kulturverantwortlichen in der Stadt und natürlich von den beteiligten Künstlern, Theatermachern, Besuchern.

Immer in Zeiten vor historischen Zäsuren stehen Forderungen nach neuen Möglichkeiten in der alten Wirklichkeit, die alt nicht bleibt, stellt sie sich dagegen. Inmitten historischer Zäsuren sind die sich darbietenden Chancen zu nutzen, Weichen zu stellen, um die Zeit nach historischen Zäsuren zu gestalten und so einzurichten, dass sie möglichst lange eine produktive Zeit nach der historischen Zäsur genannt werden kann (obwohl sie natürlich bereits wieder eine vor einer historischen Zäsur ist).

Die Freien Kammerspiele in Magdeburg waren realiter Ziel und Ausdruck einer sich wandelnden Welt. Und in Magdeburg haben viele „mitgewandelt“, engagiert, erfolgreich, sich treu bleibend in der kritischen Aneignung von Welt, in deren Prozessen sich viele einbezogen wussten – Politik und Kultur, Kulturpolitik und Politikkultur: in Magdeburg eine produktive Symbiose, die gewürdigt und gefeiert sein soll, 20 Jahre nach den ersten Erfahrungen.

Das Forum Gestaltung wird dieser Würdigung und dem Feiern einen Rahmen geben. Mit Theater, Gesprächen, Diskussionen und Musik. Nicht nostalgisch verklärend, sondern so objektiv wie möglich soll dem nachgespürt werden, was im Koordinatensystem von Möglichkeit und Wirklichkeit machbar war, machbar ist, wenn die Gegenwart jeweils ihre Rolle in der Geschichte begreift und sich der Verantwortung für die Zukunft bewusst ist.

Erinnert sei an dieser Stelle auch an den Theaterkritiker und Publizisten Friedemann Krusche, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 11. Mal jährt. Die Freien Kammerspiele bilden den Abschluss seiner zweibändigen Geschichte zum Magdeburger Theater. „Utopie braucht einen Ort“ ist das Kapitel überschrieben, in dem Krusche keinen Hehl aus seiner Sympathie für das Haus macht:

Weil in diesem Theater Entdeckungen zu machen sind…. Wie man Dramaturgie nicht als Instanz behauptet, sondern als Methode. Wie man nicht nach dem Feuilleton schielt, sondern zeitgenössischen Dramatikern eine Heimstatt gibt. Wie Regisseure ihre Konzepte aus- und sich in Schauspielerbiografien einprägen. Wie Begabungen entdeckt und aus Talenten Könner werden …

Wo solche Entwicklungen möglich werden, wo Kunst im Mittelpunkt steht und nicht Kungelei, wo man Menschlichkeit nicht bloß von der Bühne herab behauptet, sondern auch versucht, sie zu praktizieren, wo Zuschauer ermutigt werden und Kritiker Gelegenheit finden, Fehlurteile zu korrigieren, behält Theater seine Berechtigung, verdient es sich den Anspruch, nicht nur als Kunstform, sondern auch als Institution ernst- und energisch in Schutz genommen zu werden. Nicht das Spektakuläre um jeden Preis, sondern eine das Spektakuläre nicht ausschließende Verpflichtung auf ein Kontinuum bestimmen das Selbstverständnis der Freien Kammerspiele. Sie sind damit ein Fossil, ein erratischer Block im sich zunehmend nivellierenden, in austauschbarer Beliebigkeit zerbröselnden deutschen Stadttheatergetriebe.“

Veranstaltungen im Forum Gestaltung

28. Juli bis 1. August 2010, jeweils 20.00 Uhr

Dirk Heidicke

Olvenstedt probierts!

16. Versuch: Wallenstein

Mit Susanne Bard, Gerald Fiedler, Michael Günther, Matthias Herrmann, Andreas Manz u.a.

2. August 2010, 17.00 Uhr

Interessen Gemeinschaft Theater

„… kein Mangel an Enthusiasmus“

Eine Gesprächsrunde u.a. mit Gründungsintendant Wolf Bunge, Stadtrat Rainer Löhr und gründungsbeteiligten Künstlern und Technikern

2. August 2010, 21.00 Uhr

Lothar Trolle

EIN VORMITTAG IN DER FREIHEIT

oder

Sie gestatten, Lehmann vorn mit L wie Lenin

Mit Michael Günther

Über die Uraufführung, die Wolf Bunge besorgte und am 18.10.1991 in den Freien Kammerspielen Magdeburg stattfand, schrieb die Braunschweiger Zeitung: „Bunge inszeniert [] spannungsvoll und dicht, mit viel Gespür für die Eigenheiten des Textes, und er hat in dem jungen Michael Günther, graumähnig, im zotteligen Bademantel und in stinkenden Pantoffeln schlurfend, einen hervorragenden Schauspieler zur Verfügung, der ganz ohne Larmoyanz die sprachlichen und gestischen Nuancen mit geradezu parodistischem Vergnügen geniest.“

3. August 2010, 20.00 Uhr

Susanne Bard: Songs, Chansons und andere Nachtgesänge

Ausschnitte aus ihren musikalischen Programmen

Begleitet u.a. von Sebastian Undisz

Darüber hinaus werden im Forum Gestaltung ab 28. Juli 2010 zu den Vorstellungen von „Olvenstedt probierts!“ zu sehen sein:

Dokumente Plakate, Programme und Fotos wichtiger Inszenierungen und Theater-Initiativen: Spektakel, Sommertheater etc.,

Filme und Videos von Inszenierungen und der medialen Berichterstattung

Auch für spontane Beiträge ehemaliger Kammer-Mitglieder wird Zeit und Raum sein, weitere Überraschungen sind also vorprogrammiert.

 

Öffnungszeiten


Ausstellungen: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr
Für Interessierte und Gruppen sind auch außerhalb dieser Zeiten Besuche vereinbar.

Büro und Vorverkauf: Montag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr oder nach Voranmeldung

Infos, Karten & Publikationen

Forum Gestaltung Magdeburg
Brandenburger Straße 10
Tel: 0391 99 08 76 11
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